Papyrus Stilanalyse: Kleines Anwendungsbeispiel



Ich wollte die Anwendung der Stilanalyse schon immer mal an einem Beispiel aus der Praxis zeigen, aber das ist gar nicht so einfach, wenn es wirklich ein Beispiel aus der Praxis sein soll. Denn: Wenn man einen Text mithilfe der Stilanalyse überarbeitet, ist man so »drin«, geht so darin auf, dass man unmöglich gleichzeitig neben sich treten und kommentieren kann – das wäre ein bisschen so, als verlange man von einem Boxer, seinen eigenen Kampf zu kommentieren, während er ihn kämpft. Beim Schreiben ist es zwar nur der Kampf gegen sprachliche Schwachstellen, aber auch da muss man ganz bei der Sache sein.

Nun habe ich gerade eine Überarbeitung hinter mir (das Manuskript des Folgeromans zu »Aquamarin«), und eines Morgens, als ich mich an den Computer setzte, das nächste zu bearbeitende Kapitel aufrief und die ersten Zeilen betrachtete, sah ich darin plötzlich ein schönes Beispiel, an dem sich erklären lässt, wie man die Stilanalyse nutzt.

Nochmal zur Erinnerung: Anders als bei den Unterkringelungen der Rechtschreib- und Grammatikprüfung, die es nach Möglichkeit vollständig zu eliminieren gilt, dienen die Markierungen bei der Stilanalyse nur dazu, das Augenmerk des Autors verstärkt auf bestimmte Stellen des Textes zu richten, die möglicherweise Schwachstellen sind – möglicherweise aber auch nicht. Das zu entscheiden ist Sache des Autors. Es geht nur darum, diese Stellen nicht zu übersehen.

Schauen wir uns die betreffende Textpassage an. So sah sie in der Rohfassung aus:

roh-ohne

Nun schalte ich die Stilanalyse ein und die Lesbarkeitsanzeige. Damit sieht die Passage so aus:

roh-mit

Zur Erinnerung: Die Lesbarkeitsanzeige hinterlegt jeden Absatz mit einer Farbe, die anzeigt, wie schwer oder leicht er lesbar ist. Die Farben folgen dem Farbverlauf des Regensbogens, also dem Spektrum des Tageslichts, wobei das violett-blaue Ende für »sehr leicht lesbar« steht und das rote Ende für »sehr schwer lesbar«. Einfache Regel: Je blauer, desto leichter lesbar.

Hier sehen wir ein helles Blau hinter dem ersten Absatz, der zweite, kurze Absatz ist sogar violett hinterlegt: Also keine Probleme mit der Lesbarkeit hier.

Die Stilanalyse ist die Funktion, die Wörter bunt umrahmt, durchstreicht, unterstreicht usw., wobei jede Markierung für eine andere mögliche Fehlerart steht. Ich werde das gleich im Einzelnen durchgehen. Man kann sich genau einstellen, welche Schwächen markiert werden sollen und auch wie (Art und Farbe der Markierung), und die Markierungen, die ich hier verwende, weichen ein wenig von der Standardinstallation ab. Das ist aber reine Geschmackssache. Wichtig hier zu wissen: Ich verwende für das Endlektorat – also auch in diesem Beispiel hier – eine Einstellung der Stilanalyse, die alles markiert, was nur markiert werden kann. Deswegen geht es hier ziemlich bunt zu.

Gehen wir es der Reihe nach durch.

Das Wort »Während« ist rosa umrahmt, weil es »Gleichzeitigkeit« signalisiert. Damit ist gemeint, dass der Autor zwei Handlungen gleichzeitig darstellt – hier trinkt Saha ihre Mangobrause und denkt gleichzeitig nach. In diesem Fall sehe ich darin kein Problem, denn das ist genau das, was ich darstellen will. In vielen Fällen kann man aber den Text deutlich klarer strukturieren, wenn man die einzelnen Handlungen nacheinander ablaufen lässt.

Ich entscheide also, das »Während« so zu lassen.

Das Wort »so« ist quer durchgestrichen, weil es ein Füllwort ist, das heißt, ein Wort, das oft schadlos entfallen kann, ohne dass man es vermissen würde. Hier ist das nicht der Fall, denn es ist Teil der Formulierung »so langsam wie möglich«, also bleibt es.

Das Wort »langsam« ist ausgekreuzt, weil es ein Adjektiv ist. Zu viele Adjektive zu verwenden schwächt einen Text, weswegen man immer überlegen sollte, ob man sie durch stärkere Verben oder Substantive ersetzen (»er schlich« statt »er ging langsam«) oder einfach streichen kann.

Doch »langsam« ist hier, wie gesagt, Teil einer Formulierung, also trifft das nicht zu.

Nun kommt das Wort »möglich«, das gleich zwei Markierungen trägt: Einerseits ist es häufig ein Füllwort, deswegen der Querstrich, andererseits doppelt es sich mit dem »möglich« in der dritten Zeile, deswegen der grüne Rahmen.

Das nun ist eine echte stilistische Schwäche dieser Passage. Man merkt es, wenn man sie laut liest: die beiden »möglich« kommen einander in die Quere. Sie stellen rein lautlich eine Verbindung her, die keinen Sinn ergibt und deswegen beim Lesen verwirrend wirkt.

Ich beschließe: eins von den beiden »möglich« muss weg.

Die naheliegendste Möglichkeit ist, ein Synonym zu benutzen. Das geht in Papyrus Autor mit einem Rechtsklick auf das fragliche Wort; eine der Optionen im Kontextmenü ist eine Auswahl von Synonymen für das angeklickte Wort. Der angezeigten Liste liegen die DUDEN-Synonyme zugrunde sowie die Liste des OpenThesaurus-Projekts, sie ist also schon ziemlich umfangreich.

So sieht das aus (das ist nur ein Ausschnitt, die Liste breitet sich so groß wie möglich auf dem Schirm aus, damit man eine gute Übersicht hat):

synonyme

Ich probiere also eine Reihe von Synonymen aus, aber es will mir keines so recht gefallen. Also werde ich es mit Umformulieren versuchen.

Welches »möglich« will ich behalten? Ich entscheide mich für das zweite. Der Satz »gut möglich, dass ihm eine Lösung einfällt« hat für mich den richtigen Ton. Das erste »möglich« hingegen steht in einem etwas verwaschenen Zusammenhang: Was heißt denn, »so langsam wie möglich« trinken? Wie sieht das aus? Wie macht man das? Doch meistens, indem man von seinem Glas nur ganz kleine Schlucke nimmt.

Das gefällt mir gut. Ich schreibe den ersten Satz also um:

lekt-mit

Tatsächlich habe ich zuerst geschrieben: »Während ich meine Mangobrause in winzigen Schlucken trinke«. Das ginge auch, aber irgendwie ist es mir zu glatt. Die Beschreibung, wie Saha die Brause trinkt (nämlich »in winzigen Schlucken«), sozusagen nachzuliefern scheint mir besser zu der Situation zu passen und zum Rest des Absatzes, der aus lauter Gedanken besteht, die sozusagen »schubweise« aufploppen, bis sie in dem Satz »gut möglich, dass ihm eine Lösung einfällt« ein vorläufiges Ergebnis finden.

Nun ist das Gestrüpp der Stilanalyse-Markierungen schon deutlich gelichtet. Ich schaue mir die übrigen Markierungen an, finde aber nichts, das nach Änderung ruft. Das »etwas« wird hier benötigt, das »vielleicht« auch. Die grün unterpunkteten Worte weisen manchmal auf Passivkonstruktionen hin, die man stets hinterfragen sollte (»der Mann wurde vom Hund gebissen« liest sich … nun ja, passiver als »der Hund biss den Mann«), vor allem, wenn sie sich häufen, aber hier haben wir kein Passiv (die zuverlässigere Erkennung von Passivsätzen ist ein Projekt, an dem noch gearbeitet wird).

Das »ist« ist blau unterpunktet als Hinweis auf eventuelle »Verbfaulheit«, denn es ist ein Hilfsverb, und insbesondere wenn sich Hilfsverben häufen, sollte man sich überlegen, ob man die Sätze nicht anders formulieren kann, womöglich unter Verwendung stärkerer Verben (was einem Text immer gut tut).

Hier haben wir aber keine solche Häufung, das »ist« ist hier unproblematisch.

Im zweiten Absatz haben wir es erneut mit einer Wortdoppelung zu tun: Das »hoffe« im ersten Satz wiederholt sich als »hoffen« im zweiten.

Hier jedoch beziehen sich die beiden Stellen aufeinander, und dass das Wort zweimal kommt, verstärkt seine Bedeutung: Hier darf, ja hier muss die Doppelung bleiben. (So ähnlich wie man bei Shakespeares "Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage" das zweite "sein" nicht durch ein Synonym ersetzen dürfte, ohne die Wirkung des Satzes zu schwächen.)

Die zwei Füllworte »jedenfalls« und »schließlich« sind im Grunde entbehrlich. Würde ich schreiben: »Ich hoffe es. Mehr als hoffen kann ich nicht.«, würde es genauso funktionieren.

Ich entscheide mich trotzdem dafür, sie zu behalten, denn dadurch, dass der Roman in der ersten Person und in der Gegenwart erzählt wird, hat der Text etwas von einem langen Monolog, von wörtlicher Rede also, und wörtliche Rede zeichnet sich durch eine gewisse Redundanz aus. Und Saha ist keine, sich sich wortkarg und knapp ausdrückt. (In einem düsteren Krimi mit einem knallharten, mürrischen Ermittler, der in der ersten Person Präsens erzählt, würde es dagegen sicher gut kommen, auf Füllwörter radikal zu verzichten.)

Das »als« ist rosa umrandet, weil es manchmal auch »Gleichzeitigkeit« signalisiert (»Als er den Raum betrat, ging das Licht an.«). Hier ist das jedoch nicht der Fall, hier ist es Teil des Vergleichs »mehr als« – also unproblematisch.

Das blau unterpunktete »kann« ist wieder ein Hilfsverb bzw. ein schwaches Verb, aber hier ebenfalls unproblematisch. Jedenfalls wäre es schlimmer, hier etwa stattdessen »vermag« zu verwenden!

Und damit bin ich durch, und das Ergebnis sieht, wenn man die beiden Tools wieder wegschaltet, so aus:

lekt-ohne

Das mag sich jetzt schrecklich aufwendig lesen, aber tatsächlich hat die Korrektur dieser Passage keine Minute gedauert. Schon mit wenig Erfahrung sieht man auf einen Blick, dass die ungewollte Doppelung im ersten Absatz das Hauptproblem ist; gelöst ist das Problem auch schnell. Dann wird man noch einen Moment über die Füllwörter im zweiten Absatz nachdenken, eine Entscheidung treffen – und schon kann es weitergehen.

Einen Text auf diese Weise zu überarbeiten ist eine Tätigkeit, die einen auf eine ganz eigene Weise in ihren Bann ziehen kann. Man korrigiert sich beinahe in eine Art Trance hinein, und dieses Ganz-bei-der-Sache-sein, das sich meiner Erfahrung nach fast von selbst einstellt, beschleunigt die Arbeit wiederum enorm. Und – man kommt auf diese Weise seinem Text noch einmal ungewöhnlich nahe. Ehe er dann, oft deutlich verbessert, hinausgeht in die Welt …

Es sei an dieser Stelle auch noch einmal betont, dass die Stilanalyse ein Werkzeug für die Überarbeitungsphase ist und nicht eingeschaltet werden sollte, solange man noch »mit den Worten ringt«, das heißt, solange man noch dabei ist, die erste Fassung zu schreiben. In dieser Phase sollte der »innere Lektor« Pause haben – und der »elektrische Lektor« natürlich auch.



Nachtrag:
Nachdem ich im Autorenforum Montségur einen Hinweis auf diesen Artikel gepostet hatte, widersprach die Kollegin Susann Rosemann meiner Lösung. Sie schrieb:



Dein erster Satz lautete: "Während ich meine Mangobrause so langsam wie möglich trinke, denke ich über Pirgit nach".
Deine nach der Stilanalyse korrigierte Version lautet: "Während ich meine Mangobrause trinke, in winzigen Schlucken, denke ich über Pirgit nach."

Ich finde die erste Version besser. Es ist eine Ich-Erzählung, du bist im Kopf der Figur und während ich als Leser dieser direkten Erzählung der Figur lausche, bleibe ich an den winzigen Schlucken gnadenlos hängen. So würde doch keiner laut erzählen und auch nicht für sich denken, wenn er über ein Geschehen berichtet oder nachdenkt.
Für mich ist der erste Satz flüssiger und viel dichter dran an der Figur.

Ich würde bei dieser Passage – wenn ich sie überhaupt umformulieren würde – eher das eingeschobene 'vielleicht' weglassen und das zweite 'möglich' durch 'vielleicht' ersetzen.
Also so:

"Während ich meine Mangobrause so langsam wie möglich trinke, denke ich über Pirgit nach. Darüber, ob er etwas ausrichten wird. Sein Vater ist ein kluger Mann, vielleicht fällt ihm eine Lösung ein.
Ich hoffe es jedenfalls. Mehr als hoffen kann ich schließlich nicht."




Ich gebe diesen Einwand – mit ihrer Erlaubnis selbstverständlich – hier wieder, weil er hervorragend illustriert, dass die Stilanalyse keinen Stil "vorschreibt" und einen auch nicht in irgendeine Richtung lenkt. Die Stilanalyse weist nur auf mögliche(!) stilistische Probleme hin – doch wie man damit umgeht, ist weiterhin allein die Entscheidung des Menschen an der Tastatur. Der "eigene Ton" ist dadurch nicht in Gefahr.

© Andreas Eschbach

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