Schreibseminar "Spannung"

Ziemlich genau 10 Jahre, nachdem ich an der Bundesakademie Wolfenbüttel ein Seminar rund um das Thema "Spannung im Roman" abgehalten habe, stand ich also am 12. April 2013 um 13 Uhr in den niegelnagelneuen, noch nach frischer Farbe duftenden Seminarräumen der Bastei-Lübbe Academy, um erneut diese Frage zu stellen: "Was macht eine Geschichte eigentlich spannend?"

marktwain

Es galt erst einmal ziemlich viel Theorie zu bewältigen. Paradoxerweise vor allem deshalb, weil die Literaturwissenschaft im Grunde keine Theorie der Spannung kennt (oder zumindest ich kenne keine) und man als Referent deswegen Grundlagenarbeit leisten muss. Es gibt zwar aus dem Bereich des Theaters die Dramaturgie, was aber nicht dasselbe und nur begrenzt auf den Roman übertragbar ist. Ich hege ja den heimlichen Verdacht, dass für einen gestandenen Germanisten das Thema Spannung "bäh-bäh" ist (irgendwo bin ich mal auf die Behauptung gestoßen, Spannung sei "eine Eigenschaft von Trivialromanen" – na, danke), etwas irgendwie Unanständiges, der Unterleib der Literatur sozusagen. Was ich eine unvernünftige Einstellung fände, denn meiner Beobachtung nach wäre fast jeder Roman gerne spannend, auch der hochliterarische. Und etliche Klassiker sind es ja auch – es weiß nur niemand, warum eigentlich.

Wie so oft galt also auch hier, dass man es, wenn es sonst keiner tut, eben selber machen muss, also bekamen die Teilnehmer in den drei Kurstagen die Eschbach'sche Theorie der Spannung vorgesetzt, entstanden aus den Erkenntnisse des Wolfenbüttel-Seminars plus meiner eigenen Erfahrungen und Überlegungen seither, in ihrer praktischen Anwendung (bzw. Nicht-Anwendung) illustriert anhand der vorab eingereichten Textübungen. Das war anspruchsvoll und nicht ganz unanstrengend; auch für den Dozenten, anbei bemerkt. Nachdem alle Texte besprochen waren, wurden sie im Lichte des Gelernten noch einmal neu bearbeitet, und als ich am Sonntagnachmittag den zweiten Reader mit den überarbeiteten Texten bekam und durchsah, hatte ich das ermutigende Gefühl, dass sich das Seminar wirklich gelohnt hatte: Viele Texte hatten durch die Überarbeitung geradezu dramatisch gewonnen.

Das Seminar war nicht ganz ausgebucht. Zwar hatte es mehr Anmeldungen als Plätze gegeben, aber da es sich um einen Fortgeschrittenen-Kurs handelte, fand eine Vorauswahl statt, in der dann doch einige Bewerber durchs Raster gefallen sind. Dank dieser Vorgehensweise saßen lauter Leute mit ausreichend Schreiberfahrung am Tisch, höchst interessante Leute übrigens, und von einigen davon wird man, davon bin ich überzeugt, noch hören. Oder lesen, besser gesagt.

Auf die freigebliebenen Plätze hatte die Leitung der Academy zwei Journalisten gesetzt, einer davon Wolfgang Tischer vom Literaturcafé, der inzwischen über das Seminar berichtet hat und mich bei der Gelegenheit auch gleich interviewte. Grund für diese Art Pressearbeit ist natürlich, dass die Bastei-Lübbe Academy ein Experiment ist, das noch argwöhnisch beäugt – und bisweilen auch von vornherein verurteilt wird: Dass ein Verlag Autoren ausbildet, finden erstaunlich viele Leute geradezu unanständig. Na ja, wo kämen wir auch hin, wenn das Schule machte? Womöglich werden dann demnächst auch Akademien für Künstler gegründet und Hochschulen für Musiker, und dann? Am Ende wird der DFB beginnen, Fußballernachwuchs zu trainieren, und dann?

Gut, Ironiemodus aus: Stellt man die Frage, ob Schreiben denn gelehrt werden könne, scheiden sich üblicherweise die Geister. Nein, ganz unmöglich, sagen die einen; war Thomas Mann etwa in Schreibseminaren? Hat Goethe etwa Drehbuchkurse besucht? Kafka einen Fernkurs belegt? Natürlich nicht, zum einen, weil es derlei damals schlicht nicht gab, zum anderen, weil die Genannten offensichtlich imstande waren, sich das, was sie brauchten, selber beizubringen. Man darf aber die Frage stellen, ob das unbedingt besser ist (ich habe mir das Tippen selber beigebracht, mich dadurch aber für "richtiges" Zehnfingerschreiben verdorben), und es ist zudem nicht jedermanns Sache.

Umgekehrt zu behaupten, alles sei lern- und damit lehrbar, auch das Schreiben, ja, sogar das geniale Schreiben, geht aber auch fehl, nur eben in die andere Richtung. Jeder Autor, Nobelpreisträger wie Schundromanschreiber, hat erst einmal Lesen und Schreiben gelernt und später irgendwann den Wunsch verspürt, zu schreiben: So fängt jeder an. Wenn man dann schreibt, merkt man, dass es erst mal nicht so gelingt, wie man sich das vorgestellt hat; dass die großartigen Bilder auf dem Weg vom Kopf aufs Papier irgendwie, irgendwo ihre Farbe und ihre Größe verlieren und sich das, was man aufgeschrieben hat, einfach nicht so liest wie es sich lesen soll. Man merkt, mit anderen Worten, dass einem noch etwas fehlt, und sucht nach Wegen, es zu lernen. Als Autor hat man es insoweit gut, dass man die Texten anderer studieren kann; anders als bei Bildern, deren Farben man nicht ansieht, wie sie gemischt und aufgetragen wurden, oder bei Musik, deren Tönen man nicht anhört, wie sie hervorgebracht wurden, ist bei Texten nichts verborgen, alle bestehen sie nur aus aneinandergereihten Worten: Anschauungsmaterial satt also. Und doch steht man oft davor wie ein Ochs vorm Berg, bis einem mal jemand sagt, worauf man achten könnte. Und genau das, nicht mehr und nicht weniger, ist, was ein Seminar, ein Buch übers Schreiben, ein Kurs leisten kann. Lehren kann man nur ein Handvoll elementarer Dinge – gewisse Techniken, Prinzipien, Kniffe, Methoden, Herangehensweisen. Nicht lehren kann man Talent: Das muss da sein. Nicht lehren kann man ferner die Bereitschaft, zu arbeiten, an sich wie an seinen Texten: Auch die muss da sein (wird landläufig als "Ehrgeiz" bezeichnet).

Und was ist dann Kunst? Das kann man sich meines Erachtens am besten beantworten, indem man sich vergegenwärtigt, dass Pablo Picasso, fraglos einer der bedeutendsten bildenden Künstler aller Zeiten, zugleich auch einer der bestausgebildetsten war: Er ist schon als Kind von seinem Vater angeleitet worden, hat an Kunstakademien studiert und schlicht alles gelernt, was es zu lernen gab. Auf dieser Grundlage hat er dann sein Werk geschaffen. Mit anderen Worten: Kunst beginnt jenseits dessen, was gelernt werden kann.